Kategorie: Bauhaus

  • Diakonissen-Mutterhaus im Bauhaus-Stil: Leben und Arbeit zusammengedacht

    Diakonissen-Mutterhaus im Bauhaus-Stil: Leben und Arbeit zusammengedacht

    Diakonissen-Mutterhaus im Bauhaus-Stil: Leben und Arbeit zusammengedacht

    Zuletzt aktualisiert am 03. Juli 2027.

    Das Diakonissen-Mutterhaus in Elbingerode im Harz ist vom Geist der Bauhaus-Ära geprägt. Der Architekt Godehard Schwethelm lebte monatelang mit den Schwestern und orientierte sich an ihren Wünschen.

    Von Christoph Richter | am 16.06.2019 erschienen auf https://www.deutschlandfunkkultur.de/diakonissen-mutterhaus-im-bauhaus-stil-leben-und-arbeit-100.html

    Dunkles Kleid und weiße Haube, Schwester Ruth trägt die typische Ordenstracht der Diakonissen. 1959 ist sie in die evangelische Elbingeröder Schwesterngemeinschaft Neuvandsburg eingetreten, benannt nach dem einst westpreußischen Gründungsort im heutigen Polen. „Als ich das allererste Mal hier auf das Gelände kam – es war ja zu DDR-Zeiten und es war vieles grau“, erinnert sich die 82-jährige, „da hat mich dieses Haus überrascht – in der Farbe und in der Architektur, wie es hier steht. Ich war fasziniert.“

    Wie die Kommandobrücke eines Ozeantankers

    Gerade Linien, geschwungene Balkone und Terrassen, streng angeordnete, symmetrische Fensterflächen: Das Diakonissen-Mutterhaus in Elbingerode am Fuße des Brockens im Harz ist ein Meisterwerk der Bauhaus-Moderne. An einer Ecke des Hauses hängt wie ein Erker – eine Art Glaskanzel, ähnlich der Kommandobrücke auf einem großen Ozeantanker. Heute wie damals residiert dort die Oberin, als müsse sie immer eine klare Sicht auf ihre Schäfchen haben.

    „Das ist ein Stahlskelettbau“, erläutert Pfarrer Reinhold Holmer, der Direktor des Diakonissen- Mutterhauses. „Alle Pfeiler im Haus sind ganz schlanke Stahlträger, die sind später ummantelt worden und geben eine ganz große Flexibilität. Das war eine geniale Erfindung, und für die damalige Zeit war das was ganz Modernes.“

    Wohnideen im Zusammenleben entwickelt

    Errichtet wurde das Gebäude zwischen 1932 und 1934. Der damals 33-Jährige Architekt Godehard Schwethelm war kein klassisch ausgebildeter Bauhaus-Schüler, sondern ein Verfechter des Neuen Bauens in der Tradition von Walter Gropius. Schwethelm verfolgte zeitlebens dessen Credo: Leben und Arbeit sollen in eins verschmelzen.

    „Der Architekt ist hierher gekommen und hat ein Vierteljahr zusammen mit den Schwestern gelebt“, sagt Reinhold Holmer. „Er hat sich Gedanken gemacht: Wie leben die Schwestern, was brauchen sie, dann hat er seinen Entwurf gemacht. Das finde ich ganz stark, dass er so einen ganzheitlichen Ansatz hatte. Aber das füllte er dann mit eigenen Ideen.“

    Liberale Grundhaltung und religiöse Praxis, Modernität und Sakralarchitektur, Bauhaus und Diakonie. Für Holmer sind das keine Gegensätze: „Wer hat die soziale Frage praktisch angefasst, im 19. Jahrhundert? Das war Johann Hinrich Wichern, das war Friedrich von Bodelschwingh, das war Eva von Tiele-Winckler. Und die haben unseren Sozialstaat entwickelt und geprägt. Das war topmodern.“

    Der ultimative Waschbeckenstöpsel

    Auch für Architekten einer vom Bauhaus inspirierten Moderne wie Godehard Schwethelm waren solche sozialen Konzepte maßgeblich, sagt Holmer. Jedes Zimmer in Elbingerode ist lichtdurchflutet. Zum Standard gehören die in Nischen eingebauten Wandschränke, in manchen verbirgt sich eine kleine blaugekachelte Waschecke. Alles ist originalgetreu erhalten, hat die DDR-Zeiten unbeschadet überstanden.

    Reinhold Holmer ist geradezu verliebt in die filigranen Details des Bauhaus-Klassikers: „Sehen Sie sich mal diesen Stöpsel für das Waschbecken an. Finden Sie heute nicht mehr. Lassen Sie einfach reinfallen, zack – und der Abfluss ist zu. Ist eine Kugel aus Hartmetall, ich weiß gar nicht, warum man später noch was anderes erfunden hat. Das ist doch super.“

    Speisen wie auf dem Zauberberg

    In der Küche gab es damals schon einen Geschirrspüler, das Essen konnte direkt per Fahrstuhl in den Speisesaal geliefert werden. Ein eleganter, heller Raum, in dem 180 Gäste Platz finden und der ein wenig an ein Restaurant in einem mondänen Kurhotel erinnert, fast wie im „Zauberberg“ bei Thomas Mann.

    Nebenan liegt die expressionistisch gestaltete Kapelle, ein multifunktionaler Gemeindesaal, der vielfach verändert werden kann. Allein der Altar mit dem Kreuz kann nicht bewegt werden. Letztlich wirkt die Kapelle – in der allsonntäglich gut besuchte Gottesdienste stattfinden – wie ein moderner Theater- oder Kinosaal.

    Durch eine Art Foyer gelangt man ins Gebäude. Mit Würde und Respekt sollen die Besucher eintreten. Reinhold Holmer spricht von einer besonderen Form des Innehaltens: „Man kommt von draußen rein, dann hat man hier seine Garderobenhaken. Über der Kanzel kann man eine Leinwand runterfahren, also auch Filmvorführungen waren hier möglich. Das war was Tolles für die damalige Zeit, der Architekt hat weit gedacht.“

    Die Schwestern schwimmen sich fit

    Das vielleicht weltweit Einmalige liegt allerdings eine Etage tiefer. Denn genau unterhalb der Kapelle befindet sich ein großes Schwimmbad. 20 Meter lang, 6 Meter breit, 3 Meter tief. Das hat Architekt Schwethelm nicht einfach so gebaut. Ihm – aber auch der damaligen Oberin und Bauherrin Klara Sagert – lagen die Arbeits- und Lebensbedingungen der Diakonissen sehr am Herzen.

    Nach getaner Arbeit sollen sich die Pflegekräfte, wie wir heute sagen würden erholen können, aber auch etwas für sich tun. Weshalb man auf die Idee kam, ein Schwimmbad unter die Kapelle zu bauen. „Leben, Gesundheit, das hat die Klara Sagert aufgenommen“, so Reinhold Holmer. „Sie sagte: ‚Auch wir Schwestern müssen uns regenerieren, wir wollen fit sein für unsere Arbeit, für das was wir zu tun haben.’ Und dafür wurde das Schwimmbad gebaut.“

    Es war noch Dampf übrig

    Entstanden ist das Schwimmbad im Diakonissenhaus aber auch aus ganz pragmatischen Gründen, sagt Holmer, nämlich, weil der Heizkessel schlicht Dampf-Überschuss produzierte: „Und mit diesem Dampf hat man für 650 Leute gekocht, in der Bäckerei gebacken. In der Wäscherei wurde mit dem Dampf die Wäsche gewaschen, die wurde auch noch gleich dampfgebügelt. Dann hat man damit Strom erzeugen können.

    Und ganz zum Schluss hat der Architekt gesagt, nachts brauchen wir den Dampf für diese Sachen nicht. Da haben wir Dampf übrig. Und dann hat er die Bauherrin, die Schwester Klara gefragt: Entweder wir bauen ein Gewächshaus oder ein Schwimmbad, um etwas mit dem Restdampf zu machen. Schwester Klara hat dann mit ihren Schwestern gesprochen und gesagt, dann brauchen wir ein Schwimmbad. Und so ist es dann entstanden.“

    Ein Meisterwerk zum Anfassen

    „Nachhaltig“ würde man das heute nennen. Und das Schwimmbad wird von den Diakonissen, aber auch den Elbingerödern genutzt. Generationen von Kindern haben hier Schwimmen gelernt, die Feuerwehr, die DLRG machen hier ihre Übungen – bis heute.

    Im Zuge des Bauhaus-Jubiläums hat man auf dem Areal mit Bild-und Texttafeln eine Art Freiluftausstellung geschaffen. Nirgends ist aber ein Schild zu finden mit der Aufschrift: „Bitte nicht anfassen.“ Denn das Diakonissen-Mutterhauses ist zwar ein Meisterwerk der Architektur aber kein musealisiertes Denkmal. Ganz im Gegenteil: Es ein lebendiges Schaufenster praktischen religiösen Lebens. Seit 1934, als das Haus eröffnet wurde – und bis heute.

    „Es gibt die Verpflichtung zur Ehelosigkeit, wenn man in ein Diakonissen-Mutterhaus eintritt“, erklärt Direktor Holmer. „Es besteht der Grundsatz der Bescheidenheit, der Demut. Dass man sagt, wir wollen keine Reichtümer für uns persönlich haben, sondern alles das was wir erwirtschaften, kommt in die gemeinsame Kasse. Und wir leben nur von einem Taschengeld. Bis hin zum Lebensende.“

    Herausragende Architektur – mit ungewisser Zukunft

    Doch wie lange es das Diakonissen-Mutterhaus in seiner ursprünglichen Art und Weise noch geben wird, ist unklar. Von den einst 600 Schwestern leben und arbeiten nur noch 147 in Elbingerode. Durchschnittsalter: 79 Jahre. Nachwuchs gibt es keinen. Weshalb man jetzt schon überlegt, wie das Bauhaus-Ensemble weiter am Leben erhalten werden kann. Eine Idee: Man öffnet das Haus zunehmend für zahlende Pensions-Gäste, aber auch an eine Mutter-Kind-Suchtstation wird gedacht.

    „Diese Mütter haben es besonders schwer“, sagt Holmer. „Entweder haben sie keine Zeit, sich um ihre Therapie zu kümmern oder um ihre Kinder. Die sind einfach doppelt gefordert. Und für die eine Wohnform zu finden, wo für sie und die Kinder gesorgt wird, das ist ein Punkt, der uns gerade so vorschwebt. Da wollen wir gerne etwas machen.“

    Aber noch leben Diakonissen in Elbingerode im Zentrum für Diakonie und Mission. Eine von ihnen ist die 86-Jährige Schwester Elisabeth. Sie genießt den Anblick des Hauses jeden Tag aufs Neue. Und das bereits seit 1956: „Diese Rundungen überall, das ist das Besondere am Haus. Ich freue mich, dass wir so ein schönes Haus haben.“

  • Bauhaus im Harz: Mit Schwimmbad unter der Kirche

    Bauhaus im Harz: Mit Schwimmbad unter der Kirche

    Bauhaus im Harz: Mit Schwimmbad unter der Kirche

    Zuletzt aktualisiert am 03. Juli 2027.

    Der Artikel erschien am 16.09.2019 auf https://www.30-jahre-gruenes-band.de/2019/09/16/bauhaus-im-harz-mit-schwimmbad-unter-der-kirche/

    In diesem Jahr zum 100. Jubiläum des Bauhauses ist das Interesse an dem Diakonissenmutterhaus in Elbingerode im Harz in Sachsen-Anhalt sprunghaft gestiegen. Dieses architektonische Juwel von überregionaler Bedeutung als Vertreter des Neuen Bauens ist im Original erhalten. Es ist kein Museum, sondern eine lebendige diakonische Einrichtung. Das 1934 eröffnete Haus liegt ein paar Kilometer abseits des Grünen Bandes. Vielleicht war es ein Glücksfall der Geschichte, dass das Diakonissenmutterhaus in Elbingerode während der DDR-Zeit nicht im Fünf-Kilometer-Sperrgebiet und vor allem nicht im 500-Meter-Schutzstreifen lag. Dann wäre es vielleicht wie viele Häuser, Gebäude und Anwesen unmittelbar an der ehemaligen innerdeutschen Grenze abgerissen worden.

    Mutige Bauherrin und moderner Architekt

    Zu verdanken ist dieses Bauhaus-Gebäude der mutigen und weitsichtigen Schwester Klara Sagert, ab 1924 Oberin in Elbingerode. Es wurden immer mehr Schwestern, so dass ein Neubau notwendig wurde. Schwester Klara hatte Kontakt zu dem jungen Architekt Godehard Schwethelm und seiner Frau Isolde, die als Innenarchitektin tätig war. Reinhard Holmer, heutiger Direktor des Diakonissen-Mutterhauses weiß, dass das Architektenpaar sich intensiv mit dem Alltag der Schwestern beschäftigt hat. „Schwethelm war zwar kein Bauhaus-Schüler, hatte aber das Denken verinnerlicht“, so Holmer. „Wie wollen wir wohnen, wie wollen wir leben, wie will unsere Gesellschaft in Zukunft leben“, nennt der Pfarrer die zentralen Fragen des damaligen Architekten. Das Ehepaar lebte einige Zeit in dem Diakonissenmutterhaus gemeinsam mit den Schwestern, um deren Bedürfnisse zu verstehen. Der Leitung des damaligen Diakonieverbandes waren die Ideen des Architekten viel zu modern. Sie wollte einen Neubau im traditionellen Stil. Schwester Klara setzte sich durch. Sie lud Godehard Schwethelm ein, seinen Entwurf des Gebäudes im völlig neuen Stil vorzustellen und zu erläutern. Der war so überzeugend, dass der Bau in Stahlskelettbauweise realisiert wurde.

    Weitsichtige und multifunktionale Planung

    Pfarrer Reinhard Holmer kommt ins Schwärmen, wenn er durch das Haus führt. „Der Bau funktioniert heute noch. Es war alles sehr großzügig und weitsichtig geplant.“ Der Kirchsaal ist im Zentrum des Komplexes. „Er war damals schon als Multifunktionsraum geplant mit Leinwand und einer mobilen Kanzel.“ Schwester Anette organisiert gerade, dass die Kanzel weggefahren und stattdessen eine Bühne aufgebaut wird. Alles läuft routiniert und zügig ab. „Wir können hier jede Art von Veranstaltungen machen – Konzert, Theater, Kinovorführungen, Tagungen, Feiern“, erklärt Holmer. Wenn man die Holzfaltwand – auch ein Original aus den 30er Jahren – öffnet, passen 700 Personen in den Saal.

    Moderne Technik und ein Schwimmbad für die Schwestern

    Schwethelm plante nicht nur funktional und ästhetisch, sondern auch nach dem neuesten Stand der Technik. Moderne Technik sollte den Alltag der Schwestern erleichtern. Er ließ ein Maschinenhaus mit Hochdruckkesseln bauen. Mit dem Dampf wurde geheizt, alle möglichen Bereiche wie Küche, Wäscherei und Bäckerei betrieben und Strom erzeugt. Der Architekt soll Schwester Klara vorgeschlagen haben, den überschüssigen Dampf, der in der Nacht anfällt, entweder für ein Schwimmbad oder für ein Gewächshaus zu nutzen. Sie dachte an ihre Schwestern und entschied sich für das Schwimmbad, denn Sport sei wichtig. So entstand unter dem Kirchsaal ein Schwimmbad mit 20 Meter Länge und 6 Meter Breite und eine Bäderabteilung. Und auch dies ist noch voll in Funktion. Holmer zeigt den Zeitplan: immer belegt. Genutzt wird es von den Schwestern, Gästen, Mitarbeitern, Sportvereinen, Schulen und für Reha-Sport. „Viele Elbingeröder Kinder haben hier schwimmen gelernt.“

    Ein Gebäude mit Zukunftsvision

    „Heute ist das Diakonissenmutterhaus eher ein Altenheim“, gibt Holmer zu Bedenken. Obwohl ein Großteil der 130 Schwestern im Ruhestand seien, würden viele nach ihren Möglichkeiten noch mithelfen. „Wir wissen, dass wir aussterbend sind.“ Aber Holmer lässt keine Endzeitstimmung aufkommen. Er hat Visionen, die er den Schwestern vermittelt: „Auch in Zukunft werden in dem außergewöhnlichen Gebäude diakonische Aufgaben erledigt – egal ob für Suchtkranke, psychisch Kranke, Frauen mit Kindern oder Geflüchtete. Gäste werden sich wohlfühlen, eine Kirchgemeinde wird hier ihr zu Hause haben. Diese Aufgaben werden in 30 Jahren nicht mehr von Frauen mit Haube erledigt werden, aber trotzdem hat sich der Einsatz der Diakonissen gelohnt.“

    Der Wandel hat in Elbingerode längst begonnen. In der angegliederten Berufsfachschule können junge Menschen unterschiedliche soziale Berufe erlernen. Schon heute nutzen sie die Räume im Diakonissenmutterhaus und nehmen an Andachten gemeinsam mit Mitarbeitern und Schwestern teil. Die Organisation der Küche ist an eine Servicegesellschaft vergeben. „Es ist doch gut, dass jemand hier vor Ort für uns kocht, auch wenn es keine Frauen mit Haube mehr sind“, so der Pastor. „Die Diakonissen hätten ja auch gar nicht mehr die Kraft dafür.“

    Nachhaltigkeit und detailverliebte Ästhetik

    Schwethelm setzte Materialien ein, die nicht nur ästhetisch reizvoll, sondern auch nachhaltig sind, was Erhalt und Pflege betrifft. „Es soll so dauerhaft wie möglich, so praktisch wie möglich und so ästhetisch wie möglich gebaut werden“, wird der Architekt zitiert. „Das Teuerste ist das Billigste“, warb die Bauherrin damals für Schwethelms Entwurf. So ist das Haus in einem hervorragenden Zustand. „Es wurde immer von den Schwestern geschätzt und gepflegt“, würdigt Holmer die Leistung der Diakonissen. Die detailverliebte Innenausstattung mit Möbeln, Einbauschränken, Kacheln, Türen, Türgriffen, Bleiverglasungen, individuell gestalteten Säulen und vieles mehr ist erhalten.

    Ein wichtiger Standort der Diakonie

    Dass Elbingerode noch heute ein wichtiger Standort der Diakonie ist, ist der Initiative der Oberin Herta Kalkowsky zu verdanken. Sie erkannte Mitte der 70er Jahre, dass alkoholabhängige Menschen Unterstützung brauchten. Obwohl es offiziell in der DDR keinen Alkoholismus gab, war die Therapieeinrichtung zu DDR-Zeiten immer ausgebucht. Menschen aus dem ganzen Land und aus allen gesellschaftlichen Gruppen kamen aufgrund des guten Rufes in die kirchliche Einrichtung, um sich behandeln zu lassen. Daraus entwickelte sich in den 90er Jahren eine moderne Suchtklinik. Das Diakonie- Krankenhaus Elbingerode ist heute ein bedeutender Arbeitgeber im Harz.

    Pastor Reinhard Hollmer geht immer noch staunend durch das Gebäude. „Ich arbeite jetzt acht Jahre hier und entdecke immer noch neue Details. Darunter auch viele Symbole des Glaubens“, so Hollmer. Er zeigt das lichtdurchflutete Zimmer der heutigen Oberin Schwester Kerstin Malycha. „Es ist wie eine Kommandobrücke, von der man auf das gesamte Areal schauen kann“, formuliert er seine Interpretation. „Dieser Architekt muss sich unglaublich viele Gedanken für dieses Haus gemacht haben.“

  • 100 Jahre Bauhaus: Schwimmen unter der Kirche

    100 Jahre Bauhaus: Schwimmen unter der Kirche

    100 Jahre Bauhaus: Schwimmen unter der Kirche

    Zuletzt aktualisiert am 03. Juli 2027.

    Das Diakonissen-Mutterhaus in Elbingerode ist eines der sakralen Werke, die im Sinne des Bauhauses entstanden

    Das Bauhaus feiert sein 100-jähriges Bestehen: Am 1. April 1919 wurde in Weimar das von Walter Gropius gegründete „Bauhaus“ eröffnet, eine Hochschule für Gestaltung. In der Folgezeit wurden von Baumeistern und Künstlern auch zahlreiche sakrale Werke im Sinne des Bauhauses geschaffen. Der Kunsthistoriker Klaus-Martin Bresgott beschreibt das Diakonissen-Mutterhaus in Elbingerode, das zwischen 1932 und 1934 nach den Plänen von Godehard Schwethelm entstand.

    Ich erinnere mich meiner ersten Besuche in Elbingerode als Kind: Alljährlich, spätestens zur Adventszeit, machte sich die Gemeinde mit einem Bus von der Teufelsmauer aus auf den Weg hoch hinauf in den Harz zu den Neuvandsburger Diakonissen nach Elbingerode. Wie cool war das dort: ein Wohn-Krankenhaus wie ein Schiff mit richtiger Kommandobrücke für den Kapitän. Und noch cooler: eine Kirche wie ein Kino und mit Essensdüften, die pünktlich auf halber Strecke die Wände entlang krochen und das Ende leidlich langer Gottesdienste in Aussicht stellten. Aber am allercoolsten: ein Schwimmbad. Ein richtiges Schwimmbad! Direkt unter der Kirche! Wo geht denn so was? Und wo gibt’s so was? Nur hier: im Diakonissen-Mutterhaus Neuvandsburg in Elbingerode. Oben im Harz, unweit des Brockens. In den Siebzigerjahren bedenklich nahe am Westen. Im Winter immer mit viel Schnee. Dann dampfte das Hallenbad wie eine heiße Quelle.

    Elbingerode: ein ideenreicher und jung gebliebener Bau

    Viele Jahre, eine Wiedervereinigung und ein großes Architekturjubiläum später, erkenne ich alles wieder – und welches Wunder: Die Kinderwelt ist nicht kleiner und überschaubarer geworden, nichts hat sich relativiert, nichts gehört auf den Kompost der Zeit und der Ernüchterung. Im Gegenteil: Vor mir steht ein ideenreicher und jung gebliebener Bau voller Raffinesse und fantasievoller Kühnheit. Das betrifft das Haupthaus mit seiner hervorlugenden Kommandobrücke ebenso wie die hirschgleich auf ihren Läufen ruhend daliegende Kirche und diesen doppelten Quell des Lebens unter ihr: das Schwimmbad. Ein erfrischendes Wasser. Es ist noch immer unglaublich und begeisternd: Eine Kirche mit Schwimmbad. Nicht zufällig neben-, sondern gezielt übereinander. Stockwerkweise Sport und Gebet. Ein Ort der Konzentration für Körper und Seele. Ein ganzheitlicher Organismus.

    Künstler gestalten Bild einer explosiven Epoche

    Wann wurde je so frei gedacht und gebaut? Und wer denkt und baut so? Die Jahre der Weimarer Republik sind eine aus der „Welt von gestern“ erwachsende Zeit voller Neuanfänge – vor allem in der Kunst ist es eine Zeit dringlich ersehnter und konsequent genutzter Freiheit. Schon seit den 1890-er Jahren waren die Kunstakademien als tot und verstaubt empfunden worden und mit den vielerorts gegründeten Secessionen konfrontiert. Die Dadaisten öffnen das brodelnde Fass kompromisslos und endgültig. Jetzt gibt es kein Halten mehr. Im Bereich der Malerei ist die Dresdner Künstlergruppe „Die Brücke“ mit Karl Schmidt-Rottluff und Emil Nolde Wegbereiter des Expressionismus, der sich in der Münchner Vereinigung „Der Blaue Reiter“ mit Wassily Kandinsky und Franz Marc kraftvoll Bahn bricht. Die „Kölner Progressiven“ und die „Novembergruppen“ vereinigen neben Malern und Grafikern wie Otto Dix, Otto Freundlich und Heinrich Hoerle auch Designer wie Marcel Breuer, Komponisten wie Hanns Eisler, Schriftsteller wie Joachim Ringelnatz und Architekten wie Bruno Taut. Sie alle stehen nach der Auflösung der epochal gebundenen Form für eine neue Gestalt und zeichnen in ihrer individuell höchst unterschiedlichen, gleichwohl gemeinsam drängenden Herangehensweise das Bild einer Epoche, deren Explosivität mit Händen zu greifen ist. Gerade die Bildenden Künste offenbaren eine nach dem Ersten Weltkrieg bis ins Innerste verletzte und verlorene, dadurch aber auch radikal offene, die nationalen Grenzen endgültig sprengende und zu Veränderungen bereite Generation auf der Suche nach einer neuen Wesentlichkeit.

    In der Architektur ist es die Zeit der Gründung des „Deutschen Werkbundes“, des Architektenbundes „De Stijl“ und des legendären Bauhauses. Von der Sowjetunion her bricht sich der Konstruktivismus Bahn und findet international große Beachtung. Auch der Expressionismus drängt sich selbstbewusst in das Erscheinungsbild der Städte. Architektenvereinigungen wie „Der Ring“ mit Hans Scharoun treten aktiv für neues Bauen ein. Erich Mendelsohns Einsteinturm in Potsdam, Walter Gropius’ Bauhausgebäude für das interdisziplinäre, von akademischer Tradition losgelöste künstlerische Miteinander in Dessau, Fritz Högers Chilehaus in Hamburg, Ludwig Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon für die Weltausstellung 1929 und Rudolf Bartnings Auferstehungskirche in Essen erregen Aufsehen und schreiben Architekturgeschichte.

    Der Eingang zu Kirche und Schwimmbad (unten) des Diakonissen-Mutterhauses in Elbingerode (Harz)

    Diakonisse steht am Treppenaufgang im Diakonissen-Mutterhaus Elbingerode (Harz)

    Wunsch nach befreiender Sachlichkeit

    Die Entwicklung, die diese Bauten kennzeichnet, bezeugt deren Pioniergeist und den Wunsch nach befreiender Sachlichkeit. „Form Follows Function“ steht über der Forderung nach funktionaler Schlichtheit, die einer der ersten Hochhausarchitekten, Louis Sullivan, schon 1896 vertritt. 1910 erregt Adolf Loos mit seinem Vortrag „Ornament und Verbrechen“ großes Aufsehen und gibt dem Jugendstil und seinem kunsthandwerklichen Schmuckbedürfnis den Todesstoß. Mit „Weniger ist mehr“ – „Less Is More“ verlangt schließlich Mies van der Rohe nachdrücklich eine Reduktion auf das Wesentliche. Hier haben endlich die Platz, denen die unbedingte Konsequenz Bedürfnis ist – sei es Rudolf Schwarz in seiner radikalen Reduktion, Otto Bartning, der mit seiner futuristisch-technischen Eleganz langfristig zum erfolgreichsten Kirchenbauer des Protestantismus nach Friedrich Schinkel wird, oder auch Godehard Schwethelm mit seiner komplexen Funktionalität, die er in Elbingerode unter Beweis stellt.

    Godehard Schwethelm: Vertreter des neuen Bauens

    Er vertritt das Neue Bauen, den unbedingten Willen zur Funktionalität und Nüchternheit. Das ist nicht nur mit industriell anmutenden Konstruktionsschemata gleichzusetzen, auch kann man nicht einfach das Etikett Bauhaus darauf kleben, das mit seinem ausgewogenen Verhältnis kubischer Bauformen, kontrastierenden Rundungen, horizontalen Fensterbändern und Flachdach nur eine Facette des Neuen Bauens abbildet. Neues Bauen hat neben dem Bauhaus genauso die Gesichter des Neuen Frankfurt und der Neuen Sachlichkeit, deren erste Bauten bereits mit der Gründung des „Werkbundes“ einhergehen. Hier werden zum ersten Mal in Deutschland die gläsernen, vom Tragwerk des Baus losgelösten Vorhangfassaden genutzt, deren berühmteste 2019 das Bauhausgebäude in Dessau trägt. Der Stil dringt stark in den öffentlichen Bau vor. Viele Büro- und Industriebauten entstehen. Die junge sozialdemokratisch geführte Weimarer Republik investiert wie nie eine Regierung zuvor in den modernen sozialen Wohnungsbau und ermöglicht richtungsweisende Großsiedlungen wie das Jacobsenviertel in Erfurt oder kommunale Sport- und Gemeinschaftshallen wie die Halle „Land und Stadt“ in Magdeburg. Verschiedenste Bauten – ob Fabrikhalle, Elektrizitätswerk, Flugzeughalle oder Wohnhaus – entstehen gleichzeitig in funktional ausgerichteter Ähnlichkeit.

    Das beflügelt auch den Kirchenbau und gibt den neuen Ideen und dem Ruf nach einem neuen Pathos Auftrieb. Beispielhaft für die verschiedenartigsten Umsetzungen stehen hier Architekten wie Hans Voigt, Rudolf Schwarz, Bruno Brüdern, Hans Hertlein, Otto Bartning und eben Godehard Schwethelm. Sie alle bauen funktional gestaltete Räume, die sich an den neuen Bedürfnissen orientieren. Ihre Bauten öffnen sich dem Licht und stellen richtungweisende Möglichkeiten vor, das „Pathos der Profanität“, wie es sich Paul Tillich wünscht, gegenwärtig sein zu lassen. Klare, meist kubische Raumformen, der Wechsel ruhiger, geschlossener Wandflächen mit Lichtbändern, die neben dem Tageslicht auch eine transparente Verbindung mit der Umgebung herstellen, sind entscheidende Merkmale dafür. Sie schaffen jenen sakralsäkularen Charakter, den eine neue Gemeindekirche ausmachen und sie als ein funktional nüchternes Gebäude des alltäglichen Lebens überzeugend in dessen Mitte stellen soll.

    Dynamische Formen

    Wie setzt Godehard Schwethelm diese Inspirationen seiner Zeit um? Das Haupthaus lässt er als einen fünfgeschossigen Stahlskelettbau mit Spaltklinkerverblendung erstehen. Der Eingangsbereich mit dem rund ausschwingenden, kanzelartigen Segment im ersten Stock – der Kommandobrücke, das Treppenhaus und der Säulengang im rückwärtigen Erdgeschoss – sind durch dynamische Formen und farbige Klinker hervorgehoben. Dieser Farb- und Materialwechsel zwischen den hervorgehobenen Bauteilen samt der Verkleidung der Säulen mit Klinkern in klassisch roten Brandfarben markiert einen ausdrucksstarken Gegensatz zu der beige-marmorierten Farbigkeit des Hauptgebäudes. Er zeichnet ein stimmig-wirkungsvolles Bild der handwerklichen und ästhetischen Ansprüche dieser architektonischen Richtung. In Verbindung mit der auf das Wesentliche reduzierten, funktionalen Formensprache hat man einen exemplarischen und gleichermaßen individuellen Bau dieser Epoche vor Augen. Einen Bau, der deutlich macht, dass es keine Reinform eines Stils mehr gibt und sich statt dessen der Personalstil mit individuellen Ausprägungen durchsetzt, der Anleihen nimmt, Überzeugungen baut, sich aber nie stilistischer Einseitigkeit unterordnet.

    Der Kirchsaal des Diakonissen-Mutterhauses Elbingerode, Blick vom Altar

    Der Kirchsaal des Diakonissen-Mutterhauses Elbingerode, Blick zum Altar

    Der spannendste Gebäudeteil: die Kirche

    An das Hauptgebäude mit klassischem Flachdach schließt L-förmig der spannendste Gebäudeteil an – der zweigeschossige Seitenflügel, die Kirche. Mit ihr bezieht Schwethelm auch bewegte expressionistische Charakteristika mit ein. Sie mündet in einer halbrunden Apsis, der auf erster Geschosshöhe links und rechts zwei schräg ansetzende Rundbauten mit farbigen Fensterbändern angegliedert sind. Die horizontal ruhende Gelassenheit dieser konchalen Rundbauten erdet auch den Chorraum zwischen beiden, der durch das steil aufragende Fenster eigentlich stark vertikal orientiert ist. Der gesamte Abschluss dieses Gebäudes wirkt in seiner harmonischen Staffelung ideenreich expressiv, dabei sachlich selbstbewusst und repräsentativ.

    Zwischen den beiden vorgesetzten Rundbauten öffnet sich in Verlängerung des Chorraums ein Balkon, unter dem eine Treppe in das Untergeschoss führt. Die Freitreppe links und rechts neben ihm führt von außen hinauf in den Kirchensaal. Der mit seinen beidseitig eingeschossigen Anbauten basilikal anmutende Kirchenraum ist lichtdurchflutet und durch die Bestuhlung, die es bereits seit der Erbauungszeit gibt, flexibel nutzbar. Seinen sakralen Charakter erhält der Saal durch die Fensterbänder in den Obergaden, die in dezent expressiver Formensprache und auf blauer Grundfarbe basierend von Elisabeth Coester (1900–1941) gestaltet worden sind. Es ist eine wirkungsvolle, von Engeln durchwirkte Arbeit, die dem ganzen Raum spirituelle Leichtigkeit und Flügel verleiht. Das Werk der in Wuppertal ausgebildeten Glaskünstlerin und Paramentikerin findet sich in teilweise wesentlich expressiverer Formensprache unter anderem in den Glasfenstern der St. Nicolai-Kirche in Dortmund, der Hauptkirche St. Nikolai in Hamburg-Harvestehude und der Johanneskirche im westfälischen Hamm.

    Das Rundmotiv von außen ist in Variationen auch für den gesamten, stufig ansteigenden Altarbereich und die Kanzel übernommen. Hier dominieren warme, einhegende Holztöne, die den Innen- mit dem waldigen Außenraum verbinden. Da der Bereich als Bühne konzipiert ist, kann die Kanzel, die wie ein Zitat der Kommandobrücke wirkt, weggeräumt werden. Seit der Erbauungszeit gibt es hier auch eine per Bowdenzug einsetzbare Leinwand für Filmvorführungen. Besonders schließlich ist die unter dem Kirchensaal liegende und bis heute aktiv genutzte Schwimmhalle, die den funktional und auch materialiter in allen Details durchdachten Gesamtbau einmalig macht.

    In die Zukunft weisend

    Godehard Schwethelm zeigt sich mit diesem Bau nicht nur mit den stilistischen Aufbrüchen seiner Zeit vertraut, sondern auch selbstbewusst genug, sich einer konsequenten Bindung an eine Richtung zu entziehen. Er folgt der kühnen Strenge des Neuen Bauens und des Bauhauses, er nutzt die lebendigen Formen und Farben des Expressionismus. Vor allem aber baut er eine eigene, auf das Lebensprojekt der Diakonissen abgestimmte und in der sakralsäkularen Ausrichtung in die Zukunft weisende Idee. Nur eins vermissen die Diakonissen bis heute, was der kleine Junge damals schon gern gehabt hätte: Einen Knopf für eine Klappe am Boden der Kanzel, mit dem man Predigern bei gar zu ausschweifendem Parlieren zu einem frischen Bad im Untergeschoss verhelfen kann.  

    Klaus-Martin Bresgott (für zeitzeichen)


    Literatur:

    Im April 2019 erscheint bei Parkbooks, dem Schweizer Verlag für europäische Architektur: Klaus-Martin Bresgott: Neue Räume der Spiritualität – 100 Kirchen der klassischen Moderne. Ein Bildband mit weiterführenden Beiträgen von Klaus-Martin Bresgott, Andreas Hillger und Johann Hinrich Claussen.

    Bereits erschienen und zu empfehlen: Andreas Hillger: Gläserne Zeit. Ein Bauhaus-Roman. Osburg-Verlag, Hamburg, 2013, 238 Seiten, 14 Euro.